
Die Antwort auf diese Frage ist etwas umfangreicher und auch komplex. Gibt man in Google-Search «Vorteile der Yoga-Atmung» ein, so kommen 181 Einträge in deutscher Sprache, welche die Vorteile einer «guten» Atmung zu erklären versuchen.
Ich versuche hier in mit meinen Worten und anhand von Aussagen grosser Yoga-Lehrer zu erklären, warum wir im Yoga soviel Wert auf die Atmung legen und muss dazu etwas ausholen:
Selvarajan Yesudian, der Yogalehrer der in der Schweiz Pionierarbeit geleistet hat, beschreibt in seinem 1972 erschienen Buch «Sport + Yoga» im Kapitel IV «Der grösste Fehler: wir können nicht atmen!» die Wichtigkeit des Atmens wie folgt: «…. als ich später in Europa die Lebensweise meiner europäischen Brüder beobachtete, nahm ich wahr, dass ihr Atmen nur eine auf der niedrigsten Stufe des Lebens stehende, leise Kurzatmung ist.» Er führt dieses Thema auf weiteren 6 Seiten sehr konkret aus und führt die Punkte wie mentale Belastung im Alltag, nicht mehr fähig sein zu entspannen, unsere schlechte Körperhaltung, schlechte Lebensgewohnheiten, zu eng sitzende Kleidung, als Faktoren an, welche es uns verunmöglichen vertieft und somit für unseren Körper «korrekt» zu atmen. Und notabene wurde dieses Buch im Jahre 1972 geschrieben, die heutige Hektik die unser Alltag mit sich bringt, wurde da noch gar nicht mit einbezogen …
Warum ist das «korrekte» Atmen für den Menschen von so hoher Bedeutung?
Die Atmung ist der vitalste aller Körperprozesse. Sie beeinflusst Aktivitäten jeder einzelnen Zelle und was noch wichtiger ist, sie ist entscheidend mit der Funktion unseres Gehirns verbunden. Ein erwachsener Mensch nimmt etwa 15 Atemzüge pro Minute, das sind etwa 21’600 Atemzüge pro Tag. Durch die Atmung wird Sauerstoff und Glukose verbrannt, um Energie für jede Muskelkontraktion, Hormonausschüttung und mentalen Vorgang zu erzeugen. Der Atem ist engstens mit allen Vorgängen der menschlichen Erfahrung verbunden. (Diese Zeilen sind dem Buch von Swami Satyananda Saraswati: «Asana, Pranayama, Mudra, Bandha» entnommen, 1. Auflage 1986)
Und warum ist die Atmung im Yoga von so hoher Bedeutung?
Im «The Science of Pranayama» schreibt Swami Sivananda folgende Erklärung dazu: «Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem Atem, den Nervenbahnen und der Kontrolle des inneren Prana (Lebenskräften). Prana wird auf physischer Ebene als Bewegung und Handlung deutlich und auf mentaler Ebene als Gedanke. Pranayama ist der Weg, auf dem ein Yogaübender in seinem eigenen Körper die ganze kosmische Natur erkennt. Er versucht Vollkommenheit zu erlangen, indem er alle Kräfte des Universums erlangt.»
Es gibt gemäss den traditionellen Yoga-Schriften viele Regeln und Vorschriften für das Üben von Pranayama (Atemschulung). Aber meine Erfahrung aus den wöchentlichen Lektionen, wo ganz normale Menschen zum Yoga kommen, zeigt dass jeder Mensch der atmen kann, sich Pranayama widmen kann.
Solange der Atem im Leibe wohnt, ist Leben da. Schwindet der Atem, so schwindet das Leben. Daher lenke Deinen Atem.
Hatha Yoga Pradipika II, 3
Beispiel aus meinen Lektionen:
In den vergangenen 5 Wochen haben wir uns zu Beginn der wöchentlichen Yoga-Lektionen für 10 bis 15 Minuten der Atemachtsamkeitsübung „Anapanasati“ gewidmet. Diesen Luxus, Zeit zu haben, sich auf eine Sache, in diesem Fall unseren Atem, zu konzentrieren, schätzen ich und meine Teilnehmer sehr. In der Übung von „Anapanasati“ verweilen wir in der Rolle des Beobachters, der nicht bewertet, nur wahrnimmt. Die volle Konzentration ist auf unseren Atem gerichtet. Wir beobachten, wie dieser durch die Nase einfliesst und wieder herausströmt, wie der Atemrhythmus zwischen Ein- und Ausatmen ist, wo der Atem frei fliesst, oder wo er stockt, wir nehmen die Atempausen zwischen den Atemzügen wahr und Gefühle die dabei aufkommen. Wir lernen unseren Atem kennen.
Lernen wir unseren Atem kennen, beginnt er sich wie von Zauberhand zu beruhigen, zu fliessen auszudehnen, zu verlangsamen. Wird «Anapanasati» regelmässig geübt, führt dies zu innerer Sammlung, erhöhter Konzentration und gesteigerter Selbstwahrnehmung, auch im Alltag. Auf diese Weise nähern wir uns dem Ziel von Yoga in kleinen stetigen Schritten: das Erlangen der Vereinigung von Körper und Geist – wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.
Yoga ist eine kraftvolle Praxis, die erstaunliche Veränderungen in kurzer Zeit bewirken kann. Bist Du interessiert mehr über Yoga zu erfahren, melde Dich für wöchentliche Yoga-Lektionen: namaste@ursina-yoga.ch oder 079 675 75 68
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